Schätzungsweise jede dritte queere Person lebt auch mit einer Behinderung oder chronischen Erkrankung – trotzdem sind viele Szene-Orte kaum zugänglich. Zahlen, Barrieren und Anlaufstellen wie queerhandicap e.V. im Überblick.
Schätzungen zufolge identifiziert sich etwa jede dritte queere Person zusätzlich als Mensch mit Behinderung oder chronischer Erkrankung. Trotzdem sind die meisten Räume der Szene – Bars, Clubs, CSD-Umzüge, Community-Zentren – nach wie vor so gebaut, als gäbe es diese Überschneidung nicht. Wer im Rollstuhl sitzt, schwerhörig ist oder eine unsichtbare Behinderung hat, stößt in genau den Räumen auf Barrieren, die eigentlich für Zugehörigkeit stehen sollen.
Woran die Barrierefreiheit oft scheitert
Eine Befragung der britischen Organisation Attitude is Everything unter 128 Deaf und behinderten LGBTQ+-Personen zeigt das Ausmaß: 80 Prozent gaben an, wegen Zugangsproblemen schon einmal von einem Pride-Event oder einer queeren Location abgesehen zu haben. 70 Prozent fühlten sich bei einem Besuch nicht willkommen. Genannt wurden dabei nicht nur fehlende Rampen oder Aufzüge, sondern auch Sicherheitspersonal ohne Schulung im Umgang mit Behinderung, das nüchterne Gäste für betrunken hielt, und schlicht fehlende Informationen zur Zugänglichkeit im Vorfeld. 96 Prozent der Befragten sagten, sie würden eine Location eher besuchen, wenn die Zugangsinfos vorab verlässlich verfügbar wären – ein vergleichsweise einfacher Hebel, der in der Praxis trotzdem selten gezogen wird.
Die Barrieren sind dabei nicht nur baulicher Natur. Grelles Stroboskoplicht, extrem laute Musik ohne ruhigere Rückzugsflächen, überfüllte Gänge ohne freie Route für Rollstühle oder Gehhilfen – all das schließt Menschen aus, ohne dass es als bewusste Entscheidung gemeint wäre. Häufig fehlt schlicht das Bewusstsein dafür, weil Location-Betreiber:innen selten gefragt werden, was tatsächlich fehlt.
queerhandicap e.V.: die deutsche Anlaufstelle
In Deutschland gibt es seit 2010 mit queerhandicap e.V. eine bundesweite Selbstvertretungsorganisation von LSBTIQ*-Personen mit Behinderung oder chronischer Erkrankung. Der Verein tritt an unter dem Motto „Rückhalt geben. Brücken schlagen. Räume schaffen.“ und wird von Menschen getragen, die selbst betroffen sind. Zu den Angeboten gehören eine Beratungsstelle, monatliche digitale Treffen, das „Café queerhandicap“ als regelmäßiger Austauschtermin sowie das Projekt „Dialog vor Ort“, mit dem der Verein auf Demonstrationen, Messen und Konferenzen für das Thema sensibilisiert. Zusätzlich sammelt queerhandicap deutschlandweit Hinweise zu Szene-Orten, die als mehr oder weniger barrierefrei gelten – eine informelle, aber wachsende Landkarte, die es in dieser Form sonst kaum gibt.
Der Verein setzt sich außerdem dafür ein, dass CSD-Veranstalter Barrierefreiheit von vornherein mitdenken, etwa bei der Route eines Umzugs, bei Bühnenprogrammen mit Gebärdensprachdolmetschung oder bei der Ausschilderung barrierefreier Toiletten.
Was beim Ausgehen konkret hilft
Wer selbst betroffen ist oder mit jemandem unterwegs sein möchte, der Barrieren begegnet, kommt oft schon mit ein paar einfachen Schritten weiter. Vorab bei der Location anrufen oder schreiben lohnt sich fast immer – viele Betreiber:innen wissen selbst nicht genau, was ihr Haus tatsächlich bietet, bis jemand konkret nachfragt. Sinnvolle Fragen sind: Gibt es einen stufenlosen Zugang, und wenn ja, über welchen Eingang? Wie breit sind Türen und Gänge? Gibt es eine barrierefreie Toilette, und ist sie während der gesamten Öffnungszeit zugänglich oder nur auf Nachfrage? Gibt es ruhigere Bereiche abseits der Tanzfläche, falls Reizüberflutung ein Thema ist?
Für CSD-Umzüge lohnt sich ein Blick auf die Website des jeweiligen Veranstalters: Größere CSDs veröffentlichen inzwischen häufiger eigene Zugänglichkeitshinweise, etwa zu rollstuhlgerechten Beobachtungsbereichen entlang der Route oder zu Gebärdensprachdolmetschung auf der Abschlusskundgebung. Wo solche Informationen fehlen, hilft oft eine direkte Nachfrage beim Orga-Team – und ein Hinweis darauf, dass genau diese Informationen fehlen, kann für künftige CSDs bereits etwas bewirken.