Die meiste queere Geschichte steht nicht in staatlichen Archiven, sondern in Kartons unter Betten. Von den Lesbian Herstory Archives 1974 bis zum Spinnboden und Schwulen Museum in Berlin: Wer die Erinnerung der Community bewahrt und wie du mitmachen kannst.
In den staatlichen Archiven steht die meiste queere Geschichte nicht. Sie steht in Wohnungen, in Kartons unter Betten, in selbst gedruckten Zeitschriften und in Fotos, auf denen niemand einen Namen notiert hat. Dass daran heute geforscht werden kann, liegt an einer Handvoll Einrichtungen, die oft aus einer einfachen Einsicht entstanden sind: Wenn wir unsere Papiere nicht selbst aufbewahren, tut es niemand.
New York, 1974: Ein Archiv in der Küche
Zu den ältesten und größten ihrer Art gehören die Lesbian Herstory Archives. Gegründet wurden sie 1974 von lesbischen Mitgliedern der Gay Academic Union, die sich darüber ärgerten, dass Schwulen- und Lesbenpolitik in der Organisation vor allem von Männern gedacht wurde. Joan Nestle, Deborah Edel, Sahli Cavallo, Pamela Oline und Julia Penelope Stanley begannen, Dokumente zu sammeln, zunächst in der Speisekammer von Nestles Wohnung an der Upper West Side. Der Leitsatz der Sammlung lautet bis heute „In memory of the voices we have lost“ – im Gedenken an die Stimmen, die wir verloren haben. Über zwanzig Jahre blieb das Archiv in dieser Wohnung, geöffnet für alle Frauen, finanziert aus Spenden statt aus staatlicher Förderung. 1992 zog es in ein braunes Backsteinhaus in Park Slope, Brooklyn, das die Gruppe zuvor von kleinen Spenden gekauft hatte. Die New Yorker Denkmalbehörde hat das Haus 2022 als Wahrzeichen eingetragen. Die Sammlung gilt als die weltweit größte zu lesbischer Geschichte.
Los Angeles, 1952: Aus einer Zeitschrift wird ein Archiv
Das ONE National Gay & Lesbian Archives geht auf ONE, Inc. zurück, das 1952 in Los Angeles die Zeitschrift „ONE“ herausgab, die erste national verbreitete Homosexuellenzeitschrift der USA. 1956 entstand daraus das ONE Institute, eine der ersten akademischen Einrichtungen zum Studium von Homosexualität. 1994 fusionierte ONE mit dem International Gay and Lesbian Archives von Jim Kepner, seit 2010 gehört die Sammlung zu den Bibliotheken der University of Southern California. Mit über zwei Millionen Objekten ist ONE eines der größten queeren Archive der Welt, von Zeitschriften und Büchern über Filme und Tonbänder bis zu Kleidung und Buttons.
Berlin, 1973 und 1985: Zwei deutsche Wege
In Berlin begann der Spinnboden als Archivgruppe in der Homosexuellen Aktion Westberlin. 1973 beschloss die Frauengruppe, Protokolle und Zeitungsausschnitte aufzubewahren; die Ordner wanderten jahrelang von Wohnung zu Wohnung, bis Gudrun Schwarz sie 1980 übernahm und ein Archiv daraus machte. 1983 wurde daraus ein Verein, der Name „Spinnboden“ erinnert an die mittelalterlichen Arbeitsräume, in denen Frauen gemeinsam arbeiteten und Wissen weitergaben. Das Wort „lesbisch“ ließ man zunächst aus dem Vereinsnamen, um die Chancen auf öffentliche Förderung nicht zu gefährden; 2002 kam es zurück. Heute ist der Spinnboden das größte Lesbenarchiv Europas und das zweitgrößte weltweit.
Aus einer Ausstellung entstand das Schwule Museum. 1984 zeigte das Berlin Museum die Schau „Eldorado“ zur homosexuellen Kultur Berlins von 1850 bis 1950, kuratiert von vier Schwulen und neun Lesben. Mehr als 40.000 Menschen kamen. Am 6. Dezember 1985 gründeten Manfred Baumgardt, Wolfgang Theis, Manfred Herzer-Wigglesworth, Andreas Sternweiler und Egmont Fassbinder den Trägerverein, mitten in der Aids-Krise, als Homosexualität in den Medien vor allem als Bedrohung galt. Heute umfasst das Archiv nach eigener Schätzung rund 1,5 Millionen Archivalien und damit die größte Sammlung zur LGBTIQ*-Geschichte in Deutschland.
Spanien und Europa
Auch in Spanien ist in den vergangenen Jahrzehnten einiges entstanden. Die Fundación 26 de Diciembre in Madrid betreibt ein Archivo de Memorias Afectivas LGTBIQ+, in dem Testimonios, Dokumente und Alltagsgegenstände gesammelt und digitalisiert werden. Das Archivo Transfeminista Kuir des Museums La Neomudéjar, 2013 begonnen, umfasst mehr als 2.000 Dokumente zu Aktivismus und Kunst, mit besonderem Blick auf Initiativen außerhalb von Madrid und Barcelona. Die Kanarischen Inseln betreiben ein digitales Archiv zur Verfolgung sexueller und geschlechtlicher Dissidenz während der Franco-Zeit. 2026 kündigte Barcelona ein Zentrum für LGBTI-Gedenken an, das die Papiere von Aktivisten wie Armand de Fluvià aufnehmen soll. In Amsterdam sammelt IHLIA LGBTI Heritage, in London die Hall-Carpenter Archives.
Was das mit dir zu tun hat
Queere Archive sind keine staubigen Museen. Sie sammeln bewusst auch Unspektakuläres: Briefe, Terminkalender, Fotos aus Bars, Flugblätter von Demonstrationen. Weil viele dieser Dinge nie als wichtig galten, entscheidet die Community selbst, was erinnerungswürdig ist. Wer Material abzugeben hat, findet bei den meisten Häusern offene Türen und nimmt dort an, was sonst verloren ginge. Der Satz „Wenn ein Objekt von einer Lesbe berührt wurde, sammeln wir es“ stammt aus dem Umfeld der Lesbian Herstory Archives und ist nur halb ein Scherz.
Häufige Fragen
Zuletzt geprüft: 14. September 2026