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Von Berliner Mahnmalen über Kölner Stolpersteine bis zum Frankfurter Engel: Orte, die von Verfolgung und Selbstbehauptung schwulen Lebens in Deutschland erzählen.
Wer heute durch Schöneberg, das Glockenbachviertel oder die Kölner Altstadt läuft, bewegt sich über Spuren, die nicht immer sichtbar sind. Hinter Gedenktafeln, Stolpersteinen und ein paar Betonquadern steckt eine Geschichte, die lange verschwiegen wurde. Diese Orte machen sie greifbar – mal als Erinnerung an Verfolgung, mal als Beleg dafür, dass queeres Leben in Deutschland eine viel ältere Wurzel hat, als manche glauben.
Berlin: das Zentrum queerer Erinnerungskultur
Keine andere deutsche Stadt trägt so viele Schichten dieser Geschichte. Schon in den 1920er Jahren galt Berlin als eine der freiesten Metropolen Europas für Schwule, Lesben und trans Menschen – eine Offenheit, die der Nationalsozialismus brutal beendete.
- Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen: Im Tiergarten, gegenüber dem Holocaust-Mahnmal, steht seit 2008 ein schlichter Betonquader. Durch ein Sichtfenster läuft ein Film mit küssenden Paaren. Der Ort erinnert an die Männer und Frauen, die wegen ihrer Liebe verfolgt, inhaftiert und ermordet wurden.
- Schwules Museum: 1985 gegründet, zählt es zu den weltweit ersten und größten Museen für queere Geschichte und Kultur. Wechselnde Ausstellungen, ein Archiv und eine Bibliothek machen es zur zentralen Anlaufstelle für alle, die tiefer einsteigen wollen.
- Nollendorfplatz: Am U-Bahnhof erinnert eine rosa Marmortafel an die homosexuellen NS-Opfer – angebracht 1989. Rund um den Platz schlägt bis heute das Herz des schwulen Schöneberg, mit Bars, Cafés und dem Straßenfest zum lesbisch-schwulen Stadtfest.
- Eldorado: Das legendäre Lokal der Weimarer Zeit zog Künstlerinnen, Lebemänner und Neugierige an. 1932 geschlossen, dann von der SA als Parteilokal genutzt – ein scharfer Bruch, der das Ende der Berliner Freiheit markierte.
Eng damit verbunden ist Magnus Hirschfeld. Sein Institut für Sexualwissenschaft, 1919 eröffnet, war weltweit das erste seiner Art: Forschung, Beratung, Bibliothek und Museum unter einem Dach. Am 6. Mai 1933 plünderten NS-Studenten die Räume, vier Tage später landeten die Bücher auf dem Scheiterhaufen am Opernplatz. Hirschfeld selbst sah Deutschland nie wieder und starb 1935 im Exil in Nizza.
Köln: Gedenken im Stadtbild
Köln verbindet seine queere Gegenwart – die Stadt zählt zu den lebendigsten Szenestandorten – mit klaren Zeichen der Erinnerung.
- NS-Dokumentationszentrum: Im ehemaligen Gestapo-Gefängnis EL-DE-Haus dokumentiert die Gedenkstätte auch die Verfolgung Homosexueller unter dem NS-Regime.
- Stolpersteine: Die kleinen Messingplatten von Gunter Demnig liegen in vielen Stadtteilen vor den letzten frei gewählten Wohnorten der Opfer. Etliche erinnern gezielt an Männer, die nach §175 verfolgt wurden.
Wer die heutige Szene erkunden will, findet in unserem Überblick zu den besten Gay Bars und Cafés nach Städten passende Adressen.
München: Archive und stille Zeichen
München wirkt auf den ersten Blick zurückhaltender, hält aber wichtige Erinnerungsorte bereit.
- Gedenktafel am Oberanger: Sie verweist auf die lange Tradition schwulen Lebens in der Stadt und die Lokale, in denen es sich abspielte.
- Forum Queeres Archiv München: Das ehrenamtlich getragene Archiv sammelt Dokumente, Fotos und Nachlässe zur LGBTQ+-Geschichte Bayerns und macht sie für Forschung und Öffentlichkeit zugänglich.
Das heutige Szeneleben spielt sich vor allem im Glockenbachviertel ab – mehr dazu in unserem Überblick über die Schwulenviertel in Deutschland.
Frankfurt und andere Stationen
- Klaus-Mann-Platz: Benannt nach dem schwulen Schriftsteller, der wie sein Vater Thomas Mann ins Exil ging.
- Frankfurter Engel: Die Bronzeskulptur im Stadtzentrum, 1994 enthüllt, gilt als eines der ersten Denkmäler für verfolgte Homosexuelle in Deutschland und mahnt zugleich im Gedenken an AIDS-Tote.
Vergleichbare Mahnmale stehen inzwischen in Hamburg, Köln und weiteren Städten – ein Netz aus Erinnerung, das in den letzten Jahrzehnten dichter geworden ist.
Der §175: die juristische Wurzel der Verfolgung
Ohne diesen Paragrafen lassen sich die Gedenkorte kaum verstehen. Eingeführt 1871 mit dem Deutschen Reich, stellte §175 sexuelle Handlungen zwischen Männern unter Strafe. Die Nationalsozialisten verschärften ihn 1935 drastisch; Tausende wurden in Konzentrationslager deportiert, gekennzeichnet mit dem rosa Winkel.
Nach 1945 blieb die verschärfte Fassung in der Bundesrepublik zunächst in Kraft. Zwischen 1950 und 1969 wurden rund 50.000 Männer verurteilt. Erst 1969 und 1973 wurde der Paragraf entschärft, vollständig gestrichen erst am 11. Juni 1994. Die Rehabilitierung der nach 1945 Verurteilten kam noch später: Im Juli 2017 hob der Bundestag die Urteile auf und sah Entschädigungen vor.
Diese Orte selbst besuchen
Fast alle genannten Stätten sind frei zugänglich. Mahnmale wie der Berliner Tiergarten-Quader oder der Frankfurter Engel lassen sich jederzeit besichtigen, Museen und Archive haben feste Öffnungszeiten – ein Anruf oder Blick auf die Website lohnt sich vorab. Viele Städte bieten queere Stadtführungen an, oft organisiert von lokalen Vereinen.
Wer sich engagieren oder Gleichgesinnte treffen möchte, findet bei den LGBTQ+-Vereinen und -Gruppen Anknüpfungspunkte. Und wer das Thema über Deutschland hinaus verfolgen will, stößt im CSD- und Pride-Kalender oder bei den queeren Reisezielen weltweit auf weitere Geschichtsorte.